“I am thou”: Das psychologische Narrativ von Persona 5 Royal

WARNUNG: SPOILER FÜR PERSONA 5 ROYAL

Auf www.spielkritik.com ist am 09.02.2021 ein ausgezeichneter Artikel von @JessicaKathmann über den erfolgreichen Platformer Celeste erschienen. Darin wirft die Autorin einen psychotherapeutischen Blick auf die Protagonistin Madeline und ihren Umgang mit Depressionen. Zwei Begriffe aus der analytischen Psychologie C.G. Jungs spielen dabei eine Rolle: “Persona” und “Schatten”. 

Ich musste beim Lesen dieses Artikels daran denken, wie eines meiner Lieblingsspiele, Persona 5 Royal, ebenfalls das Motiv von Persona und Schatten nutzt, um psychische Probleme und Durchbrüche seiner Charaktere darzustellen. Es ist zwar weniger kryptisch und elegant gemacht als in Celeste – das Spiel trägt immerhin schon den Holzhammertitel PERSONA – aber nichtsdestotrotz ist es interessant zu sehen wie dasselbe Motiv in einem anderen Spiel narrativ umgesetzt wird. 

Schatten und Spiegelbilder

Im Universum von Persona 5 Royal existiert von nahezu jedem Menschen ein Schatten, ein unterdrückter Teil ihrer Persönlichkeit, der zuweilen wie ein dunkles Spiegelbild erscheinen kann. Einige Individuen werden von ihrem Schatten beherrscht und verhalten sich infolgedessen besonders böse und grausam. Persona-Nutzer jedoch haben keinen Schatten – sie sind mit ihrem “anderen” Selbst im Einklang, sie kontrollieren und trainieren es und ziehen daraus die Stärke, die es braucht, um die eigene Persona zu beschwören. Eine Persona ist also ein Schatten, den der dazugehörige Mensch als Teil von sich selbst akzeptiert hat, gemäß dem bei jedem ersten Erwachen einer Persona zitierten Ausruf “I am thou, thou art I”: Ich bin du, du bist ich.

Die Schatten existieren im Metaverse, einer Parallelwelt geschaffen aus den Herzen und Wünschen der Menschen. Jeder Schatten ist an den dazugehörigen Menschen gebunden; der Tod des einen Selbst im Metaverse führt auch zum Ableben des anderen Selbst in der echten Welt. Menschen haben also im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie werden von ihrem Schatten vereinnahmt und damit böse, oder sie akzeptieren ihren Schatten als Teil von sich selbst, um zu besseren Menschen und eventuell Persona-Nutzern zu werden.

Wer bist du?

Wie wichtig diese Selbst-Akzeptanz für die persönliche positive Entwicklung ist erfährt man am Beispiel der Geschichte von Kasumi Yoshizawa, meinem Lieblingscharakter aus Persona 5 Royal. Als Kasumi erstmals ihre Persona Cendrillon beschwört, tut sie dies mit für ihre Begleiter überraschender Leichtigkeit. Während die anderen Gruppenmitglieder sich bei ihrem eigenen Erwachen unter Schmerzen ihre Masken von den blutigen Gesichtern reißen mussten, kann Kasumi die ihre unblutig abnehmen und Cendrillon erscheint. Erst später im Spiel zeigt sich der Grund für diese Leichtigkeit: Kasumi ist nicht Kasumi, sondern ihre Zwillingsschwester Sumire. Die echte Kasumi starb kurz vor Beginn der Spielhandlung bei einem Unfall, und Sumire als Überlebende gab sich die Schuld dafür. Um dem Schmerz und den Schuldgefühlen über den Verlust ihrer geliebten Schwester zu entkommen ließ sich Sumire hypnotisieren und glauben machen, sie selbst sei Kasumi. Die Persönlichkeit die wir das ganze Spiel über zu kennen glaubten war also nicht echt, und damit war auch das erste Erwachen von Cendrillon nur oberflächlich, eine bloße Erscheinung, geboren aus einer gelebten Lüge.

In ihrer falschen Identität als Kasumi konnte und musste Sumire sich selbst, den Tod ihrer Schwester und den damit verbundenen Schmerz nicht akzeptieren. Sie wollte lieber in einer falschen, aber angenehmen Welt leben als in der schrecklichen Realität. Ihr Wunsch lieber Kasumi als sie selbst zu sein ist so stark dass sie sogar gegen ihre Freunde kämpft, um sich nicht der Wahrheit stellen zu müssen. Erst nach dieser Auseinandersetzung und mit der Hilfe des Protagonisten legt sie ihre Identität als Kasumi ab und schließt sich als Sumire den Phantom Thieves an. Doch ihre Worte und Handlungen wirken zögerlich und ihre Kraft liegt deutlich hinter der ihrer Verbündeten. Der Grund dafür ist simpel: Sumire klammert sich zwar nicht mehr an ihre falsche Identität, doch sie hat noch nicht zu ihrem wahren Selbst, zu ihrer eigenen Persona gefunden.

Deswegen versagt Cendrillon ihr den Dienst, als die Gruppe im letzten Dungeon des Spiels von Schatten überfallen wird. Sumire wird eingekesselt und will sich verteidigen. Die Maske fällt, doch keine Persona erscheint. Denn Sumire ist immer noch nicht im Einklang mit sich selbst – und dem “anderen Mädchen in ihr”. 

Ich bin du.

In dieser größten Not entscheidet sich Sumire endlich, den nächsten Schritt in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu machen. Sie will sowohl ihr schwaches und unsicheres als auch ihr künstliches Selbst hinter sich lassen. Anstatt sich in eine falsche Identität zu flüchten entscheidet sie sich diesmal für die schmerzhafte Wahrheit. In diesem Moment  akzeptiert Sumire, wer sie wirklich ist und sein will. Wie alle anderen Phantom Thieves vor ihr reißt sie sich unter Schmerzen die Maske vom blutigen, aber fest entschlossenen Gesicht.
Und ihre Entschlossenheit wird belohnt.

Cendrillons Stimme erklingt. Sumire schaut auf. Doch sie sieht nicht ihre Persona, sondern ihre geliebte Schwester lächelnd und mit ausgestreckter Hand auf sich herabblicken. Auch sie lächelt nun und ergreift Kasumis Hand. Sumire ist endlich im Einklang – mit ihrer eigenen Seele und der ihrer Schwester. Und dieser Einklang läutet ein zweites, ein echtes Erwachen ihrer Persona ein: die glorreiche Wiedergeburt von Cendrillon. “I am thou, thou art I.”

Ich liebe diese Szene. Nicht nur aufgrund der Emotionalität, sondern auch ihrer Interpretation wegen. Persona 5 Royal zeigt mit Sumires Geschichte genau wie Celeste mit Madelines Abenteuer eines: Wenn wir unser anderes, wahres Selbst als Teil von uns annehmen, führt dies zu neuer, größerer Kraft. Und selbst wenn wir denken, wir seien nicht stark genug um uns dieser Herausforderung zu stellen, können uns Freunde dabei helfen. Zusammen können wir jedes Hindernis überwinden. Egal ob wir Sumire, Madeline oder ganz anders heißen. 

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